"Die Plakate haben Angstmacherei zum Ziel", findet Nesa Zimmermann, Präsidentin Junge Grüne
Heute Morgen war ich wieder einmal am Kinderhüten. Nicht mein Gottemeitli, sondern den Bub einer anderen Freundin diesmal. Er ist gerade fünf geworden; den ganzen Morgen hat er mich mit Fragen gelöchert: Welches ist der allergrösste Baum der Welt? Warum werden im Herbst die Blätter farbig? Warum sind manche Blätter rot und andere gelb, warum haben sie nicht alle dieselbe Farbe? Ist das wie mit den Menschen, wo es manche gibt, die weiss sind und andere braun?
Ich habe versucht, den Fragen gerecht zu werden: Es scheint mir enorm wichtig, dass wir die Neugierde der Kinder Ernst nehmen, ihr Interesse an der Welt fördern und versuchen, mit ihnen nach Antworten zu suchen, auch wenn es nicht immer ganz einfach ist. Indem sie Fragen stellen, lernen sie die Welt kennen, und gleichzeitig geben wir ihnen auf diese Weise ganz natürlich die Werte weiter, auf denen unsere Gesellschaft beruht. Isoliert betrachtet, mögen diese Dinge banal scheinen – zeige nicht mit dem Finger auf die Leute, sage nicht „Arschloch“ zu jemandem, nur weil er nicht deine Meinung hat, verachte jemanden nicht, weil er behindert ist oder nicht deine Hautfarbe hat – ; und dennoch drücken sie aus, worauf wir unsere Demokratie gebaut haben : Auf gegenseitigem Respekt.
Zu diesem Respekt gehört auch, dass man nicht eine ganze Bevölkerungsgruppe als Verbrecher bezeichnet, dass man andere Kulturen nicht grund- und sinnlos schlecht macht. Genau darauf zielen aber die Plakate, die mein Kollege Lukas Reimann gestern zu verteidigen versucht hat, ab. Die Plakate, deren Publikation mehrere Schweizer Städte inzwischen untersagt haben, haben vor allem eines zum Ziel: Angstmacherei. Ähnlich wie die Plakate mit schwarzen Händen, die nach einem Schweizer Pass greifen oder jene mit den Raben machen sie auf sowohl indifferenzierte als auch ungerechtfertigte Art und Weise ganze Bevölkerungsgruppen schlecht.
Meinungsfreiheit ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit. Meinungsfreiheit bedeutet das Recht, seine Meinung zum Ausdruck zu bringen, das Recht, Situationen, Gegebenheiten, Leute zu kritisieren. Aber jede Freiheit – in einer demokratischen Gesellschaft – findet dort ihre Grenzen, wo die Rechte der anderen beginnen. So gibt uns die Meinungsfreiheit keineswegs das Recht zu rassistischen und despektierlichen Äusserungen.
Den Kindern bringen wir bei, nicht einfach „Arschloch“ zu sagen, wenn sie mit jemandem nicht einverstanden sind, sondern stattdessen ihre Meinung zu erklären. Den Kindern lehren wir, andere nicht rücksichtslos anzugreifen: Ich sehe nicht ein, woher Erwachsene sich das Recht nehmen, weniger differenziert zu handeln als Kinder.